Das Handschriftenarchiv der BBAW

im Arbeitsvorhaben 'Deutsche Texte des Mittelalters'

Im Jahr 1904 wurde auf Initiative der 'Deutschen Kommission' der 'Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin' mit der Anlage eines Archivs von Beschreibungen deutschsprachiger Handschriften in Bibliotheken des In- und Auslandes begonnen. Ziel war es, neben den Texten – eigens begründet wurde hierzu die Sammlung 'Deutschen Texte des Mittelalters' (DTM-Editionen = http://www.bbaw.de/forschung/dtm/pub.html) – auch die Realien vollständig in Autopsie zu erfassen bzw. zugänglich zu machen. Weltweit sollten alle mittelalterlichen Handschriften und Fragmente mit deutschen Texten erfasst und beschrieben werden.

Die Ausbeute war gewaltig. Von 1904 bis 1944 entstanden in Autopsie 19.319 Beschreibungen von 18.847 Handschriften und Fragmenten. Der in Berlin verwaltete Schatz wurde durch ein 1.5 Millionen Karteikarten umfassendes Register erschlossen, das allerdings im Krieg verbrannte. Die Beschreibungen sind jedoch komplett erhalten geblieben. Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Arbeiten am Handschriftenarchiv nicht wieder aufgenommen. In der Bundesrepublik traten an die Stelle des Handschriftenarchivs die modernen, von der DFG geförderten Katalogisierungsprojekte. In der DDR wurden einzelne Vorhaben im Rahmen des "Zentralinventars mittelalterlicher Handschriften bis 1500 in den Sammlungen der DDR" (ZIH) durchgeführt, andere entstanden unter dem Dach des Zentralinstituts für Sprachwissenschaft der Akademie der Wissenschaften der DDR.
Mit den modernen Katalogen wurde das Material des Handschriftenarchivs jedoch keinesfalls wertlos. Da die Beschreibungen bis 1944 erstellt wurden, sind sie in etlichen Fällen der letzte qualifizierte Nachweis heute verschollener oder vernichteter Handschriften (ca. 2.500 Beschreibungen insb. osteuropäischer Sammlungen). Erhebliche Teile betreffen zudem schlecht, unvollständig oder noch völlig unerschlossene Bestände (ca. 3.500 Beschreibungen, insbesondere Streubesitz). Und auch bei den durch moderne Kataloge oder Inventare aufgearbeiteten Beständen (ca. 13.000 Beschreibungen) bieten die Archivbeschreibungen vielfach wichtige Zusatzinformationen. Der wissenschaftliche Wert der Archivbeschreibungen ist vor allem dort besonders hoch zu veranschlagen, wo die Realien verloren bzw. verschollen sind oder nur Kurzkataloge (z.B. Degering zu Berlin) und Inventare (z.B. Handschriftencensus Nordrhein-Westfalen) vorliegen.
Die seit Mitte der 90er Jahre im Internet über eine Orts-/Signaturenliste erfassten Beschreibungen berücksichtigen die Bestände aus rund 600 Bibliotheken, Archiven und privaten Sammlungen in über 350 Orten der (heutigen) Länder Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Lettland, Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Russland, Schweden, Schweiz, Slowakei, Tschechien, Ungarn, USA. Die Beschreibungen enthalten in der Regel die genaue (historische) Signatur der Handschrift, Angaben zur Herkunft, zum Material und Zustand, zum Charakter der Schrift, zur Blattzahl und Zählung, zum Format, zur Einrichtung, zur Ausstattung und zum Einband sowie eine Auflistung aller Inhalte mit Blattangabe, Incipit und Explicit. Außerdem sind Überschriften, Initialen, Marginalien, Kolophone, Einträge, Benutzerspuren etc. nachgewiesen und häufig sogar nachgezeichnet.

Das Handschriftenarchiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften versteht sich im Anschluss an die Gründerväter Konrad Burdach, Gustav Roethe und Erich Schmidt ganz entschieden zugleich als Forschungsprojekt (Grundlagenforschung zur handschriftlichen Überlieferung) wie als wissenschaftliches Dienstleistungsunternehmen, das Anfragen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Institutionen, Behörden und Privatpersonen aus der ganzen Welt bearbeitet. In enger Zusammenarbeit mit den von der DFG geförderten Handschriftenzentren der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, dem Marburger Handschriftencensus und den Repertorien der Universität Marburg und der Hill Monastic Manuscript Library' der Saint John's University in Collegeville werden zudem aktuelle Katalogisierungsvorhaben unterstützt. Zusätzlich wird in Kooperation mit Experten vor Ort versucht, das noch immer ungeklärte Schicksal vieler Tausend im Gefolge des 2. Weltkriegs verschollener Handschriften, aber auch ganzer Bibliotheken, Sammlungen und Archive aufzuklären. Das Hauptaugenmerk richtet sich dabei auf die mittel- und osteuropäischen Nachbarländer.

Zur Zeit sind rund ca. 10 % des Gesamtbestandes (rund 2.000 Beschreibungen mit ca. 30.000 Images und ca. 40.000 Registerdatensätzen) wissenschaftlich erschlossen, digitalisiert und im Internet frei zugänglich. Die Nutzungsfrequenz liegt bei rund 25.-30.000 Zugriffen pro Monat; sie wird durch den Komfort der neuen Suchmaske sicher noch deutlich ansteigen.

Das "Telota-Projekt des Monats" hat zum Ziel, die elektronischen Erfassungswerkzeuge auf einen aktuellen Stand zu bringen. Die Erschließung und Präsentation des Handschriftenarchivs findet im Internet an verschiedenen Stellen statt. Wichtig war es daher, ein Erfassungswerkzeug zu schaffen, das Datenformate erzeugt, die, einmal eingegeben, sich in verschiedene Systeme überführen lassen. Gleichzeitig sollten die schon elektronisch existierenden Handschriftenbeschreibungen eingebunden werden und über alle Daten eine differenzierte Suche möglich sein. Das Ergebnis ist ein web-gestützes Eingabeinterface, welches XML-Dokumente erzeugt, die wiederum in verschiedene Ausgabeformate konvertiert werden. Ein solches Ausgabeformat, die HTML-Seiten, sind im aktuellen "Projekt des Monats" zu sehen, ebenso wie die Suche über den gesamten Datenbestand.

Gesamtbestand aller Beschreibungen (Index)

Kriegsverluste und Nachweise von geretteten/erhaltenen Beständen

Informationen zur Geschichte des Handschriftenarchivs