Elektronische Darstellung des "Opus postumum" (April 2006)Der mit der Feder in der Hand denktWilhelm Dilthey und andere konnten in den Jahren 1894/95 die in Berlin ansässige Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften motivieren, eine umfassende Ausgabe der Schriften des Königsberger Philosophen Immanuel Kant (1724–1804) zu veranstalten. Die ab 1900 veröffentlichten Bände von Kant's gesammelten Schriften wurden in vier Abteilungen gegliedert: Werke, Briefwechsel, Handschriftlicher Nachlaß und Vorlesungen. Sämtliche Bände der ersten drei Abteilungen sind in mehrfachen photomechanischen Nachdrucken erschienen, teils in zweiten, veränderten Auflagen. In den Inflationsjahren nach dem Ersten Weltkrieg ist die Abteilung der Vorlesungen eingestellt worden, ohne daß ein Band fertiggestellt war. Nach 1956 griff die damalige Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin auf den ursprünglichen Plan zurück; die Bände 24, 25, 27, 28 und 29 sind in den Jahren zwischen 1962/63 und 2001 unter Regie der Göttinger Akademie der Wissenschaften erarbeitet worden. Der wegen seiner komplizierten Überlieferungslage an den Schluß geratene Band 26 wird die bislang in Band 9 (Abteilung I) enthaltene Physische Geographie ersetzen.
Ab Mitte der 1790er Jahre arbeitete Kant an einem Werk, welches er selbst als sein "Hauptwerk", sein "chef d'œuvre", bezeichnet hatte. In Auseinandersetzung mit seiner eigenen Kritischen Philosophie versucht er, einen Übergang von der rationalen Metaphysik der Natur bzw. Philosophie zu den empirischen Wissenschaften, vornehmlich der Physik, Chemie und Biologie, zu konzipieren. In dem nachgelassenen Manuskript, welches insgesamt 290 lose Bögen und Blätter - zumeist Folio, aber auch kleineren Formats - mit 525 eigenhändig von Kant beschriebenen Seiten enthält, liegt kein fertiges Werk, auch kein Fragment vor. Was wir vorfinden sind mehrfach synchron und diachron bearbeitete Entwürfe - neben dem sog. Oktaventwurf - 13 Entwürfe auf Foliobögen. Das von Kant intendierte Werk ist vielmehr als ein "Arbeitsmanuskript" zu bezeichnen. Es enthält neben reinschriftlichen Texten immer wieder Neuansätze, Überarbeitungen und Streichungen, eingeschobene Überlegungen zu anderen Themen bis hin zu Tagesnotizen. Das Ganze drückt bis in die sprachliche Haltung hinein die Bewegung des Kantischen Denkens aus. Wegen editorischer Unzulänglichkeiten des 1936/38 als Bände XXI und XXII der Akademie-Ausgabe erschienenen Opus postumum wird an einer kritischen, wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Edition des Nachlaßwerkes gearbeitet, welches als das am schwierigsten zu edierende Werk Kants gilt. Eckart Förster (Baltimore) ist der verantwortliche Herausgeber der Neuedition der Bände XXI und XXII, Jacqueline Karl ist mit der Neutranskription des gesamten Manuskriptes beauftragt. Das nachgelassene Manuskript Opus postumum befand sich in wechselndem Privatbesitz, bis im Frühjahr 1999 die Stiftung Preußischer Kulturbesitz das Textcorpus - mit Unterstützung der ZEIT-Stiftung - für die Staatsbibliothek zu Berlin erwerben konnte. Dank einer großzügigen Drittmittelzuwendung der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, Hamburg, über einen Zeitraum von zwei Jahren konnte bereits im Frühjahr 2001 mit den Vorbereitungen der Neuedition begonnen werden. Ein von der DFG bewilligter Förderungsantrag ermöglichte die Digitalisierung des gesamten Manuskriptes und schuf damit die Voraussetzung für die gleichfalls geplante elektronische Edition in Verbindung mit den digitalisierten Faksimiles der Handschrift.
Die drei skizzierten Teilvorhaben gehören zu verschiedenen Abteilungen der Gesamtausgabe: Drucke, Kantische Handschriften und studentische Nachschriften der Vorlesungen bilden die überlieferten Grundlagen für die editorische Bearbeitung. Im Rahmen des »Projekts des Monats« wird versucht, die strukturellen Gemeinsamkeiten der drei Teilprojekte zu erkennen. Ziel war der Entwurf einer möglichst einheitlichen XML-Struktur, in der alle Editionsvorhaben mit ihren jeweils spezifischen Darstellungsoptionen und -problemen abgebildet werden können. Die XML-Struktur ist dabei zu verstehen als ein wohldefiniertes, gemeinsames Datenformat der drei Teilvorhaben, das die Ergebnisse der Strukturananlysen aufnehmen und auf elektronischem Gebiet adäquat darstellen kann. Eine besondere Schwierigkeit besteht darin, daß die Teilvorhaben sich in sehr unterschiedlichen Phasen ihrer Fertigstellung befinden. Weil das Opus postumum aufgrund seiner Komplexität als das technisch anspruchvollste Vorhaben angesehen werden kann, ist primär im Blick auf das Nachlaßwerk eine XML-Struktur entwickelt worden. Auf dieser Grundlage ist es möglich, verschiedene Ansichten zu erstellen, die mit Hilfe unterschiedlicher Parameter auf unterschiedliche Darstellungsformen eingestellt werden können. Die genannte XML-Struktur könnte ebenfalls für die Critik der reinen Vernunft verwendet werden. Ziel wäre hier ein Verfahren, das zu einer bis in den Zeilenfall exakt parallelen Gegenüberstellung der Texte der Auflagen von 1781 und 1787 führt. Darauf aufbauend könnten ferner diejenigen Gegenüberstellungen realisiert werden, die innerhalb der Edition der Vorlesungen über Physische Geographie sinnvoll und wünschenswert sind; wie z. B. verschiedene schriftliche Fassungen einer Vorlesungen oder Originalzitate aus gedruckten Quellen und deren Wiedergabe bzw. Exzerpte im frühen (1758/59) Text des Kantischen Konzeptes zu seiner über 40 Jahre gehaltenen Vorlesung. |